Erziehen ohne Schimpfen in Kinderbüchern - Leo Lausemaus

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Leo Lausemaus ist mittlerweile ein echter Kinderklassiker. Zu beinahe jeder alltäglichen Situation gibt es die passende Geschichte.

Auf der Internetseite des Verlags steht geschrieben, Leo Lausemaus biete Lösungen für Alltagsprobleme.

Aber ist das wirklich so oder können wir Eltern von den Geschichten vielleicht besser lernen, wie wir es nicht machen sollten?

Inhaltsverzeichnis

Erziehen ohne Schimpfen - was ist das?

In ihrem Buch Erziehen ohne Schimpfen, zeigt die Autroin Nicola Schmidt Alternativen im Umgang mit Kindern auf. Sie stellt fest: Schimpfen ist weder für die Kinder noch die Eltern schön und trotzdem täglicher Bestandteil der meisten Familien. Wann immer ein Kind bockt oder etwas anstellt, wird geschimpft. Doch das kann auch Nebenwirkungen, wie gemindertes Selbstwertgefühl oder eine getrübte Eltern-Kind-Beziehung haben und auch die Eltern fühlen sich danach oft schlecht und wünschten sich, es nicht so oft tun zu müssen.

warum wir es trotzdem tun

Wenn es für alle so schlecht ist, warum tun wir es dann trotzdem? Die Ursache für das Schimpfen ist häufig Stress und Überforderung. Vielen Eltern fehlt es schlicht an Unterstützung und sie sind zerrissen zwischen Job, Kindern, Beziehung und Haushalt.

jeden Tag ein bisschen

Hier setzt Nicola Schmidt mit ihrem Konzept an. Durch Umstrukturierung und Entzerrung des Familienalltags schaffen wir kleine Momente in denen wir durch kurze Achtsamkeitsübungen lernen unseren Blick wieder auf das Wesentliche zu richten und erkennen, wenn wir den grünen Bereich verlassen und in den roten Bereich, das Hamsterrad, rutschen.

empathische Kommunikation öffnet Türen

Ergänzt wird das Konzept durch eine empathische Kommunikation mit den Kindern. Wie stellen wir Regeln auf und wie verteidigen wir unsere Grenzen ohne den anderen dabei klein zu machen? Wie gehen wir mit Fehlern um? Nicola Schmidt bietet Alternativen zu furchteinflößender Lautstärke, beschämenden Schimpftiraden und harten Strafen. Sie setzt auf Klarheit, Empathie und Spiegelung und setzt so den Grundstein für einen friedlicheren Familienalltag.

Und wer jetzt denkt, dass es dabei um eine neue Art der Laissez-faire Erziehung geht, ist auf dem Holzweg. Zugegeben, auch ich war am Anfang sehr skeptisch, aber nach der Lektüre war für mich sonnenklar: So machen wir’s. Denn Erziehen ohne Schimpfen bedeutet überhaupt nicht, dass es keine Regeln oder Auseinandersetzung gibt. Es ist nur eine andere Art damit umzugehen.

Absolute Leseempfehlung

Wenn du jetzt neugierig geworden bist, lege ich dir Nicola Schmidts Erziehen ohne Schimpfen ans Herz. Willst du eine Idee davon bekommen, wie um alles in der Welt dieses Konzept nun im Alltag funktionieren soll, wünsche ich dir ein paar neue Erkenntnisse beim Lesen der nachfolgenden Abschnitte.

Was hat Leo Lausemaus damit zu tun?

Mein Sohn liebt Bücher und die Geschichten von Leo Lausemaus haben es ihm besonders angetan. Ich persönlich kann seine Faszination dafür nicht so richtig teilen, denn mir gefällt die teilweise recht negativ geprägte Sicht und der erhobene Zeigefinger am Ende der Geschichten nicht so wirklich. Und über die Rollenverteilung in der Mäusefamilie wollen wir lieber mal gar nicht sprechen.

Leo Lausemaus und ich

Ein Gutes hat es jedoch, dass das Hörspiel von Leo Lausemaus bei uns in Dauerschleife läuft: Ich habe immer wieder Anlass, über die Erziehungspraktiken in der Geschichte und in meiner eigenen Familie nachzudenken. Und ich stelle fest: Oje, es gibt noch viel zu tun: Bei uns zuhause, in den Familien, in den Einrichtungen, in den Medien.

mein Beitrag für mehr Empathie in den Familien

Ich habe mir die Frage gestellt, warum es Mama Lausemaus so schwer hat und habe versucht, die Situationen in den Geschichten anhand von Nicola Schmidts Ideen einmal anders zu denken. Das ist nun mein Beitrag für eine Welt mit weniger Schimpfen. Here we go!

Den Pulli will ich nicht!

Die Geschichte beginnt damit, dass Leo einen Pullover anziehen soll, während dieser lieber sein T-Shirt anbehalten möchte. Eine Situation, die vielen bekannt vorkommen dürfte.

Die Mutter sagt: „Komm, Leo, zieh den Pulli an!“
„Warum?“, antwortet Leo.
Die Mutter möchte spazieren gehen und es ist kühl, der Pulli wäre wärmer. Doch Leo bleibt hartnäckig bei seinem Standpunkt: „Den Pulli will ich nicht!“
Die Mutter versucht ihn zu überzeugen und meint, dass es draußen heute nicht so warm sei. Darauf antwortet Leo bloß: „Aber kalt auch nicht!“
Da die Mutter nun merkt, dass sie nicht weiterkommt, wechselt sie das Thema, und möchte nun, dass Leo sein Zimmer aufräumt. Doch auch dagegen weigert er sich. Schließlich ist weder das Zimmer aufgeräumt noch der Pulli angezogen, dafür haben beide schlechte Laune. Aber die Mutter muss nun dringend einkaufen und sagt: „Dann räumst du eben später noch auf. Komm und zieh den Pulli über!“
Sie hofft nun, dass Leo so erleichtert darüber ist, dass er nicht das Zimmer aufräumen muss, dass er nun vielleicht doch den Pulli anzieht, aber Fehlanzeige. Leo ist immer noch bockig und sagt:
„Nein, den will ich nicht!“
Daraufhin fällt der Mutter nichts mehr ein und sie gibt auf: „Na dann eben nicht!“, sagt sie resigniert, so kalt ist es draußen ja auch wieder nicht.

Leos Sicht: Ich will diesen Pulli nicht. Mir ist nicht kalt. Außerdem ist der unbequem. Ich will lieber mein Lieblingsshirt anbehalten. Darin fühle ich mich am wohlsten. Warum will Mama mich zwingen, diesen kratzigen Pulli anzuziehen? So kalt ist es doch gar nicht!

Mamas Sicht: Draußen ist es schon etwas frisch heute. Es wäre wahrscheinlich besser, wenn Leo einen Pulli anzieht. Nicht, dass er sich wieder erkältet. Warum stellt er sich denn so an? Ich meine es doch nur gut mit ihm! Und wir müssen doch jetzt los! Kann er nicht einfach mitmachen? In seinem Zimmer hat er auch schon wieder ein riesen Chaos angerichtet. Das muss dringend mal aufgeräumt werden. Aber wenn wir jetzt nicht loskommen, dann wird alles zu spät…

Kooperationsfähigkeit

Die Basis des Ansatzes von Erziehen ohne Schimpfen ist der Gedanke, dass Kinder grundsätzlich immer kooperieren wollen. Wenn sie es nicht tun, dann weil sie es in dem Moment nicht können. Sie können es nicht, wenn sie zum Beispiel müde oder hungrig sind. Die Geschichte spielt sich morgens direkt nach dem Aufwachen ab. Hier könnten gleich zwei Faktoren die Kooperationsfäigkeit herabstufen:

1. Leo könnte nach der Nacht hungrig sein: Viele Kinder brauchen direkt nach dem Aufwachen den ersten Snack, damit sie überhaupt kooperationsfähig sind. Die Idee zum Beispiel einen gemeinsamen Gang zum Bäcker zu machen und da fürs Frühstück einzukaufen, klingt in unseren Ohren gut, aber viele Kinder halten so lange nicht durch. Sie brauchen erstmal ein Müsli oder ein wenig Obst, um das Loch im Bauch zu stopfen und dann können sie wieder kooperieren.

2. Leo könnte ein Morgenmuffel sein: Viele Kinder sind Morgenmuffel. Sie haben nach dem Aufwachen erstmal schlechte Laune. Hier kann es helfen morgens ausgiebig zu kuscheln, mehr Zeit einzuplanen und mit Schmusen, Essen und Spielen in den Tag zu starten.

Wärmeempfinden

Kinder haben ein anderes Wärmeempfinden. Sie haben noch mehr braunes Fett, was sie wärmt und außerdem bewegen sie sich in der Regel deutlich mehr als Erwachsene, sodass sie es unter Umständen tatsächlich viel weniger kalt finden als wir.

Übergänge

Manche Kinder tun sich schwer mit Übergängen. Ein Übergang kann bereits sein, dass geliebte T-Shirt auszuziehen, um einen Pulli (der vielleicht auch noch kratzt) anzuziehen. Hier lohnt es sich dem Kind zu zuhören: Warum genau will es den Pulli nicht? Anschließend können Kompromiss gefunden werden.

Variante 1: Erfahrung sammeln
„Komm, Leo, zieh den Pulli an!“, sagte die Mama.
„Warum?“, antwortet Leo.
„Ich möchte spazierengehen. Draußen ist es kalt. Zieh den Pulli an, er ist wärmer!“, könnte die Mutter antworten.
Doch Leo bleibt bei seinem Standpunkt: „Den Pulli will ich nicht!“
Die Mutter könnte nun sagen: „Dann packe ich den Pulli ein und wenn du frierst, kannst du ihn anziehen!“
That’s it. Dann könnten sie losgehen. Wenn es Leo kalt wird, kann er den Pulli bekommen. (Wichtig: die Mutter sollte dann nicht belehren nach dem Motto: Ich hab dir doch gesagt, dass es kalt ist! Sondern einfach den Pulli auspacken).

Vielleicht friert Leo schlussendlich auch überhaupt nicht, denn es ist nicht so furchtbar kalt und er bewegt sich sicher mehr als seine Mutter. Wenn es jedoch wirklich sehr kalt ist und Leo den Pulli trotzdem immer noch verweigert,
könnte die Mutter folgendes sagen: „Heute ist es wirklich sehr kalt und du möchtest dich nicht anziehen. Ich möchte nicht, dass du krank wirst, also gehen wir jetzt zurück nach Hause!“ und dann gehen sie zurück.

Variante 2: Lösung suchen
Wenn es wirklich sehr kalt ist und die Mutter keine Zeit hat, Leo selbst die Erfahrung machen zu lassen, könnte sie folgendes sagen: „Es ist heute sehr kalt. Ich möchte jetzt spazierengehen und du musst dich wärmer anziehen. Was können wir tun, damit du warm genug angezogen bist?“
Nun können sich Kompromisse entwickeln. Vielleicht kommt nun raus, dass Leo den Pulli nicht mag, weil er kratzt, aber bereit wäre eine Jacke anzuziehen. Oder er möchte sich selbst einen Pullover raussuchen oder das Lieblings T-Shirt unter oder über den Pullover ziehen.

Variante 3: Spielen
Eine andere Möglichkeit wäre ein Spiel als Konfliktlösung anzubieten. Spiele funktionieren super, wenn die Situation
sich festgefahren hat und das Kind nicht mehr kooperieren kann. Wie wäre es zum Beispiel mit einem Nonsensspiel:
„Du willst den Pulli nicht, okay, dann zieh ich ihn an. Ach du meine Güte, der ist aber klein. Hilfe, ich stecke fest! Befrei mich! Oje, der ist ja wirklich klein. Ich kann nicht glauben, dass du da reinpasst? Aber er passt dir? Zeig doch mal!“
Je lustiger das Spiel desto besser. Getreu dem Erziehen ohne Schimpfen Motto: „Zeit verlieren, um Zeit zu gewinnen“. Und wenn genug gespielt wurde, klappt es auch wieder mit dem Pullover (und wenn nicht, dann bleiben immer noch Variante 1 und 2).

Wie löst du solche festgefahrenen Situationen? Erzähl uns davon in den Kommentaren.

Ich räume nicht auf!

Die Geschichte von Leo Lausemaus geht weiter. Nun soll er auch noch sein Zimmer aufräumen.

Die Mutter sagt frustriert über den Streit mit dem Pullover (s.o.), dass Leo jetzt erstmal sein Zimmer aufräumen solle. Im Kinderzimmer findet sie wie erwartet ein großes Chaos vor und schimpft erstmal los. Leo spürt, dass seine Mutter verärgert ist und versucht sich aus er Situation zu retten, indem er behauptet sein Teddy hätte die Unordnung gemacht.

Doch die Mutter will davon nichts wissen. Dann soll er eben dem Teddy zeigen wie man aufräumt. Aber Leo hat keine Lust dazu. Die Mutter ist nun noch mehr verärgert und beendet die Diskussion indem sie sagt: „Mir ist egal wer von euch beiden aufräumt. Aber das wird jetzt gemacht und ich muss mich um meine Hausarbeit kümmern!“.

Damit verlässt sie das Zimmer und Leo bleibt frustriert alleine zurück. Er will weder aufräumen noch spielen und so sitzt er gelangweilt da bis die Mutter kommt und ihn zum Einkaufen mitnehmen möchte und erklärt, das Zimmer könne er ja auch noch später aufräumen.
Leos Sicht: Mama ist so gemein! Erst soll ich diesen blöden Pulli anziehen und nur, weil ich den nicht will, muss ich jetzt zur Strafe auch noch das Zimmer aufräumen. Das schaffe ich eh nie, da ist viel zu viel Zeug! Ich weiß überhaupt nicht, wo ich da anfangen soll. Und Mama ist jetzt auch noch sauer und ist deswegen weggegangen. Jetzt bin ich ganz allein hier. Was soll ich nur machen?
 
Mamas Sicht: Wie die Wohnung nur wieder aussieht! Jeden Tag aufs neue Chaos. Das Zimmer sieht aus und in der Küche wartet der Abwasch. Wenn wir jetzt schon nicht rauskönnen, weil Leo den Pulli nicht anzieht, dann soll er wenigstens mal die Unordnung in seinem Zimmer beseitigen. Schließlich hat er das Chaos ja auch zu verantworten. Und ich muss noch die Küche machen und die Einkaufsliste schreiben…

Dinge aufzuräumen und zu pflegen ist vermutlich eine recht neue Kulturleistung. In der Vergangenheit waren wir als nomadische Völker unterwegs und kannten die Art von Besitztümern, wie wir sie heute haben nicht. Werkzeuge wurden hergestellt und wenn die Gruppe weiterzog wurden sie zurückgelassen und an einem anderen Ort wieder neu hergestellt. Alles andere wäre unnötiger Ballast gewesen

Unsere Kinder tragen noch viel von diesem alten Erbe in sich und sie müssen erst lernen, wie wir unseren Besitz pflegen. Aufräumen ist also keine Selbstverständlichkeit sondern eine erlernte Fähigkeit (siehe auch Nicola Schmidt, Erziehen ohne Schimpfen).

Da Aufräumen also zunächst gelernt werden muss, braucht es dabei anfangs einiges an Unterstützung. Einfach weggehen und dem Kleinkind das Feld überlassen, ist also wenig zielführend.

unterteilen

Das Aufräumen funktioniert besser, wenn es in kleine, zeitlich begrenzte Teile eingeteilt wird. Statt zu verlangen, jetzt das ganze Chaos allein aufzuräumen, könnte die Mutter sagen, dass sie nun eine Viertelstunde (oder bis der Zeiger sonstwo ist) gemeinsam aufräumen und danach etwas anderes machen.

spielen hilft

Sie könnte es als kleines Wettrennen verpacken und ein Spiel daraus machen: „Was glaubst du, was wir in der Zeit alles geschafft haben?“ oder “Was glaubst du, wer zuerst mit seiner Aufgabe fertig ist”.

konkrete Anweisungen

Beim Aufräumen selbst sollten ganz konkrete Anweisungen gegeben werden. Es bietet sich an drei Schritte zu wählen und jeweils nur eine Kategorie aufzuräumen (z.B. allen Müll in den Mülleimer, dann alle Legos in die Kiste und schließlich alle Kleider in die Wäsche). Je konkreter die Anweisungen sind, desto besser können die Kinder damit umgehen.

Mitbestimmung

Gleichzeitig wollen manche Kinder ein Mitbestimmungsrecht. Sie wollen zum Beispiel aussuchen, ob sie für die Wäsche oder den Müll zuständig sind.

gemeinsam

Und ganz wichtig: Die Kinder brauchen es am Anfang noch, dass sie gemeinsam mit den Eltern aufräumen. Die Erwachsenen behalten den Überblick und die Struktur und leben vor, wie es funktioniert. Erst wenn die Kinder gelernt haben, aufzuräumen, können sie es nach und nach allein.

Ich will die gelbe Ente haben!

Leo und seine Mutter gehen über den Markt. Dort entdeckt Leo einen Spielzeugstand und dieser weckt direkt Begehrlichkeiten. Er bittet die Mutter, ihm ein neues Spielzeug zu kaufen. Doch die Mutter wiegelt ab, er habe genug Spielzeug und räume es ja sowieso nie auf.

Doch Leo gibt so schnell nicht auf: „Ich will die gelbe Ente haben!“, bettelt er. Die Mutter korrigiert ihn prompt, dass man nicht „ich will“ sagen solle. Und fügt dann noch hinzu: „Kinder, die zu viel wollen bekommen am Ende gar nichts!“. Aber Leo ist davon unbeeindruckt und bettelt weiter, er wolle doch nur die gelbe Ente haben.

Die Mutter wechselt die Strategie und bietet ihm nun an mit dem mitgebrachten Ball zu spielen, wenn ihm langweilig sei. Doch Leo hat nur Augen für die Ente und hat kein Interesse an dem alten Ball.

Die Mutter hat keine Geduld mehr und geht weiter. Leo muss mitkommen und ist frustriert und gelangweilt. Seine Mutter hingegen ist erneut gestresst, da sie noch lange nicht mit dem Einkauf fertig ist.

Leos Sicht: Diese Ente ist sooo süß. Ich will sie unbedingt haben. Das stimmt doch gar nicht, was Mama sagt. Ich muss doch total oft mein Zimmer aufräumen. Wie kann die Mama nur so gemein sein? Hört sie mir überhaupt zu? Sieht sie nicht, wie süß diese Ente ist? Ich will diese Ente haben, sie ist so schon gelb und neu! Ich könnte toll mit ihr spielen. Bitte Mama!
 
Mamas Sicht: Möhren: hab ich! Brot: hab ich! Jetzt nur noch zum Käsestand-  was ist denn jetzt schon wieder los? Oh nein, er hat die Spielzeuge entdeckt. Dafür haben wir jetzt gar keine Zeit. Jetzt hat er sich auch noch in den Kopf gesetzt, dass ich etwas kaufen soll. Er hat doch so viel Zeug. Nur noch ein Teil mehr, was rumliegt. Und am Ende muss sowieso ich alles aufräumen. Die anderen Leute schauen schon. Die denken sicher, dass ich mein Kind gar nicht unter Kontrolle. Ich lasse nicht mit mir rumdiskutieren! Schluss!

Die beiden sprechen auf unterschiedlichen Ebenen. Die Mutter hat in ihrer eigenen Kindheit verinnerlicht, dass den Wünschen der Kinder nicht nachgegeben werden sollte, vielmehr sollte das Aufbegehren direkt im Keim erstickt werden. Andernfalls könne das Kind beginnen ihr auf der Nase herumzutanzen und sich zu einem echten Tyrannen entwickeln, der seine Eltern herumkommandiert und alles bekommt, was er will.

keine Macht den Tyrannen

Daher rührt wahrscheinlich auch der Satz „Kinder, die zu viel wollen bekommen am Ende gar nichts!“. Die Mutter möchte in der Öffentlichkeit die von ihr geforderte Strenge zeigen und dem gesellschaftlichen Bild einer “guten Mutter” entsprechen, die ihr Kind unter Kontrolle hat.

keine Impulskontrolle

Leo hingegen ist ein Kleinkind und verfügt noch nicht über die nötige Impulskontrolle, um seine Wünsche hinten anzustellen und Belohnungen aufzuschieben. Daher bettelt er weiter. An einem anderen Tag könnte diese Situation allzuleicht eskalieren und die Mutter fände sich mit einem sich am Boden wälzenden und brüllenden Kind wieder und auch das wäre eine Situation, wie sie unzählige Eltern kennen und fürchten.

Anstatt systematisch jedes Begehren des Kindes abzutun, könnte die Mutter eine Ja-Grenze setzen und statt ablehnend eher zugewandt antworten. Das könnte so aussehen: Sie könnte in die Hocke auf Augenhöhe von Leo gehen und sagen: „Ich kann sehr gut verstehen, dass du diese Ente möchtest, sie ist wirklich total süß. Aber leider können wir nicht alles kaufen, was wir schön finden.“
 
Wenn Leo dann weiterbettelt könnte sie sagen: „Ja, das ist wirklich ein tolles Spielzeug. Ich verstehe dich und weißt du, auch mir fällt es manchmal so schwer, etwas nicht zu kaufen. Es ist wirklich hart manchmal“. Damit zeigt die Mutter, dass sie emotional auf der Seite des Kindes ist.
Sie spiegelt die Gedanken und Gefühle ihres Sohnes. Er fühlt sich
ernstgenommen.
 
Um ihn von dem Stand wegzubekommen, könnte sie dann ein Spiel anbieten, um seine Aufmerksamkeit umzulenken: „Wie wäre es mit einem Spiel: Immer wenn wir etwas Entengelbes sehen, müssen wir schnattern. Lass uns schauen, wie viele Dinge wir finden!“ und dann könnten sie weiterziehen.
 

Wenn es zu einem Ausraster kommen sollte (das kann trotz aller Bemühungen passieren), bleibt die Mutter dabei, passt auf, dass er sich nicht verletzt und nichts kaputt macht und spiegelt ihn: “Ich sehe, du bist jetzt sehr wütend und enttäuscht!”. Und das aller Wichtigste: Sie ist jederzeit da, um ihn in den Arm zu nehmen und zu sagen: “Komm her mein Schatz, ich helfe dir, dich zu beruhigen!”.

PS: Kinder, die zu viel wollen…

Und noch ein kurzes Statement zum Satz: „Kinder, die zu viel wollen bekommen am Ende gar nichts“. Ich weiß nicht, wie es dir damit geht, aber ich finde diesen Satz den schlimmsten in der ganzen Geschichte. Denn, wenn schon unsere Kinder nichts mehr wollen sollen, wer bitte dann? Wer soll dann für eine bessere Zukunft kämpfen? Für Gerechtigkeit und Frieden eintreten und den Umweltschutz erreichen?

Kinder kommen auf die Welt und stellen Forderungen an uns und unsere Gesellschaft und das ist total gut und so wichtig. Ohne sie keine Veränderung und es gibt wahrscheinlich wenig Traurigeres als einem Kind zu sagen: „Eins will ich hier mal klarstellen, komm nicht auf die Idee hier irgendwas zu wollen, denn sonst bekommst du gar nichts!“. Ganz schön krass! Was meinst du? Schreib es mir in die Kommentare!

Ich will nochmal!

Leo hat auf dem Markt ein Karussell entdeckt und die Mutter lässt ihn eine Runde fahren. Doch wie zu erwarten, will er am Ende diese Runde nicht absteigen, sondern nochmal fahren. Die Mutter hingegen möchte weiter. Doch Leo weigert sich und bleibt sitzen. Die Mutter drängt, es ist schon spät, sie müssen weitergehen. Aber Leo will nicht gehen und sieht das überhaupt nicht ein. Verärgert hebt Mama Lausemaus ihn vom Karussell und schimpft: „Jetzt reicht es mir aber, du kommst jetzt mit!“. „Nein, lass mich los“, zetert Leo, „Ich will nochmal!“. Daraufhin antwortet die Mutter nur, dass sie ihn besser gar nicht hätte fahren lassen sollen „Das hab ich jetzt davon!“.

Leos Sicht: Das Karussell hat Spaß gemacht und ich möchte noch ein wenig länger Spaß haben. Die Mama ist eine Spielverderberin, die mir nichts gönnt und immer nur meckert. Ich bleibe einfach sitzen, dann kann ich weiterfahren.
 
Mamas Sicht: Das Karussell will gleich weiterfahren und Leo steigt nicht ab. Die Leute fangen schon an zu schauen. Die denken, ich lass mir von meinem Kind auf der Nase herumtanzen. Außerdem muss ich endlich diesen Einkauf zu ende bringen und dann schnell nach Hause und das Essen machen, sonst wird es wieder zu spät und Leo kommt nicht rechtzeitg ins Bett…Warum kann er nicht einfach mal mitmachen? Jetzt hab ich ihm schon etwas Gutes getan und ihn fahren lassen und jetzt nutzt er es aus und kriegt den Hals nicht voll. Das habe ich davon! Vielleicht haben die anderen doch recht und ich habe ihn einfach zu sehr verwöhnt. Nein, jetzt werden andere Saiten aufgezogen!

Unter Stress sind wir nicht in der Lage, klar und ruhig zu denken, denn unser ganzer Körper ist in Alarmbereitschaft. In diesen Situationen verfallen wir in unsere alten Muster. So reagiert die Mutter mit Negativität und die Situation wird dadurch weiter verschärft und droht zu eskalieren.

Scham und Stress

Wahrscheinlich schämt sich sich gleichzeitig für zwei Dinge: Erstens: Dass sie offenbar ihr Kind so schlecht erzogen hat, dass es total verwöhnt ist und nun jeder sieht, wie es ihr auf der Nase rumtanzt. Zweitens: Ist es ihr vielleicht  ebenso peinlich, dass sie schimpft und emotional statt besonnen reagiert. Dies produziert noch mehr Stress und macht es noch schwieriger ruhig zu bleiben.

Selbstmitleid

Sie kommt in eine Art Selbstmitleid und bemitleidet sich dafür, dass sie es so schwer hat. Sie bezieht Leos Verhalten auf sich, statt es als normales Kleinkindverhalten zu sehen. Sie hat das Gefühl, dass er sich gegen sie wendet. Ihren Frust äußert sie ganz deutlich in dem Ausruf „Das hab ich jetzt davon!“

Abwehrhaltung

Leo ist ein Kleinkind und verfügt noch nicht über die vollständige Impulskontrolle. Er will weiterfahren, denn das macht Spaß. Er hat keinen Zeitdruck spürt aber, dass die Mutter gestresst und sauer ist. Er fühlt sich unverstanden und geht in eine Abwehrhaltung.

Es wäre ratsam, wenn die Mutter vor der Karussellfahrt bereits sagt, dass es genau eine Fahrt geben wird. Wenn die Fahrt dann vorbei ist und Leo nicht absteigen will, sollte sie möglichst ruhig aber entschieden auftreten. Sie sollte Leo spiegeln, indem sie etwas sagt wie: „Ich sehe, du möchtest noch eine Runde fahren und das kann ich verstehen, denn es macht Spaß. Aber es ist schon spät und ich brauche, dass du mitkommst, sonst schaffe ich es nicht mehr das Abendessen zu machen.“

Die Emotionen sind entscheidend

Wenn Leo trotzdem nicht runterkommt, muss die Mutter leider handeln, denn natürlich hält das Karussell nicht ewig an. In diesem Fall würde der Weg nicht daran vorbeiführen, Leo auch gegen seinen Willen vom Karussell zu heben. Allerdings ist der entscheidende Unterschied dabei, mit welchen Emotionen die Mutter das durchführt. Sie sollte entschieden auftreten, aber gleichzeitig zugewandt bleiben.

Wut begleiten

Wenn Leo einen Wutanfall bekommt, bleibt sie in der Nähe, schaut dass er sich und niemand anderen verletzt und begleitet den Anfall. „Ich sehe, du bist sauer. Du wolltest weiterfahren. Aber das geht nicht. Komm zu mir, ich beruhige dich!“. Die Mutter sollte immer da sein für den Fall, dass das Kind getröstet werden möchte.

Vereinbarungen

Wenn das öfter vorkommt, könnten die beiden auch versuchen eine Vereinbarung zu etablieren. „Wie können wir es machen, dass du nachher ohne Jammern wieder absteigst?“. Und falls das dann nicht klappt, trotzdem möglichst ruhig und präsent bleiben und die Gefühle begleiten.

Ich will ein Schokoladeneis!

Die Mutter und Leo kommen nun an einem Eisstand vorbei. Leo bittet um ein Schokoladeneis. Die Mutter entgegnet, dass es jetzt kein Eis gäbe, denn sie seien bald zuhause und dann würde sie ein leckeres Abendessen kochen. Leo will aber ein Eis und zwar ein ganz großes. Die Mutter sagt nur: „Kommt nicht in Frage und außerdem habe ich dir schonmal erklärt: Kinder die ständig etwas wollen bekommen am Ende gar nichts!“

Leos Sicht: Eis ist sooo lecker. Genau das brauch ich jetzt. Leckere Schokolade, dann fühle ich mich wieder gut und glücklich. Außerdem habe ich Hunger. Das ist total anstrengend hier auf dem Markt. Mama will, dass ich warte, bis wir zuhause sind. Aber das dauert ja noch eeeeewig bis das Essen fertig ist. Und außerdem mag ich keine Suppe, ich mag ein Eis, das schmeckt viel besser! Jetzt!
 
Mamas Sicht: Jetzt nicht auch noch das! Schlimm genug, dass wir ewig für den Einkauf gebraucht haben, jetzt will der Junge auch noch ein Eis. Dabei ist er doch Schuld daran, dass wir nicht schon längst zuhause sind und essen. Wir haben  doch jetzt so leckeres Gemüse gekauft. Damit möchte ich doch eine gesunde Suppe kochen. Wenn Leo sich jetzt an dem Süßkram sattfuttert, wird er nachher nichts von der Suppe essen und die ganze Mühe war umsonst. Und schlecht für die Zähne ist es außerdem.

Evolutionsbedingt sind wir sehr auf kalorienreiche Nahrung gepolt. Wir können ihr nur schwer wiederstehen, denn in der Steinzeit, gab es nicht den Überfluss wie heute. Jede Gelegenheit sich mit Kalorien einzudecken, musste genutzt werden.

Versuchung im Überfluss

Nun sind wir aber tagtäglich den süßen Versuchungen ausgesetzt und müssen lernen damit umzugehen. Das klappt am besten mit kompetenten liebevollen Erwachsenen. Als Eltern können wir aufzeigen, dass es normal ist, das Verlangen zu haben, aber dass man dem nicht immer nachgibt und wenn doch, wie man wieder damit aufhört.

genießen lernen

In dem wir den Genuss bewusst in unseren Alltag integrieren, Belohungen aufschieben und darüber sprechen und auch unsere inneren Kämpfe deutlich machen („Oh Mann, ich könnte jetzt ne ganze Tafel Schokolade essen, aber wisst ihr was, das wäre nicht gut für mich. Ich beiße lieber mal in den Apfel und dann schau ich weiter!”), lernen unsere Kinder, wie es geht.

Anstatt den Wunsch von Leo einfach abzuwiegeln könnte die Mutter auch hier wieder mit Verständnis reagieren: „Ich habe gehört, du möchtest ein Eis. Ich finde Schokoladeneis auch so wahnsinnig lecker. Aber es hilft nicht gegen Hunger. Lass uns nach Hause gehen und richtig essen!“

die Schokolade später essen

Sie könnte auch eine andere Belohnung in Aussicht stellten. Zum Beispiel könnte sie sagen: „Ich liebe auch Schokolade, aber ich will sie richtig genießen. Lass und jetzt heimgehen, schön Abendessen und danach machen wir uns einen Tee und essen Schokopudding und kuscheln.“ So legt die Mutter offen, dass auch sie den Wunsch nach Süßem kennt, gleichzeitig vermittelt sie, wie man Belohnungen aufschiebt.

gemeinsam genießen

Und natürlich könnte sie auch sagen: „Weißt du was? Ja, wir essen ein Eis. Das war so anstrengend heute. Ich brauche auch eine Pause. Lass uns da in die Sonne sitzen und das Eis genießen und dann haben wir Kraft und schaffen den Rest vom Einkauf!“ Und auch das wäre eine Möglichkeit.

Was wäre deine Variante? Schreib es mir in den Kommentaren.

Das ist mein Ball!

Die beiden Treffen nun auf Leos Freunde. Die Mutter ist froh darüber und gibt Leo seinen Ball, damit er mit den anderen spielen kann. Sie selbst möchte noch schnell zum Bäcker gehen und eilt davon. Als die anderen Kinder mit Leos Ball spielen möchten, will er ihn nicht hergeben und sagt nur: „Nein, das ist mein Ball!“. Als die Mutter wiederkommt, versteht sie nicht, was mit ihrem Kind los ist.
Leos Sicht: Ich möchte nicht mit den anderen spielen, die sind immer so wild beim Fußball. Ich würde viel lieber mit Mama in die Bäckerei gehen und die leckeren Sachen anschauen. Jetzt wollen die auch noch mit MEINEM Ball spielen. Aber das ist MEIN Ball, die sollen ihn nicht nehmen.

Mamas Sicht: Da sind ja Leos Freunde, was für ein Glück. Wenn er mit ihnen spielt, ist er abgelenkt und ich kann noch schnell in die Bäckerei ohne, dass es Gequengel gibt.

Die Mutter ist froh, dass sie endlich eine Ablenkung für Leo gefunden hat, um mal ein paar Minuten in Ruhe einzukaufen und durchzuatmen. Sie ist von dieser Vorstellung so beseelt, dass es ihr gar nicht in den Sinn kommt, dass Leo das gar nicht so toll findet.

Kinderfreundschaften

Vielleicht gab es Streit mit den Freunden oder zu unterschiedliche Interessen. Die Mutter hat keine Ahnung, wie genau die Beziehung von Leo zu den anderen Kindern im Moment aussieht. Auch Kinderfreundschaften sind komplex und durchleben Höhen und Tiefen und nur, weil alle Kinder sind, heißt dass nicht, dass alle gerne miteinander spielen.

individueller Besitz ist uns wichtig

Außerdem fällt es Kindern in diesem Alter noch schwer, Dinge mit anderen zu Teilen. Das liegt zum Teil auch daran, dass wir in einer Kultur leben, in der individueller Besitz sehr stark betont wird. Das macht sich auch in unserer Sprache bemerkbar. Von klein auf bekommen die Babys von uns zu hören: „Schau mal DEINE Rassel, DEIN Teddy,…!“ und gleichzeitig hören sie uns unzählige Male sagen: „Das ist MEIN Handy, das gehört MAMA,…“. Und da Kinder von uns lernen, verwundert es nicht, dass sie das übernehmen und genau wie wir auch auf ihren Besitz beharren.

teilen will gelernt sein

Teilen will also gelernt sein und wir als Eltern haben Einfluss darauf, ob es gelernt wird. Wenn wir vorleben, dass wir andere unterstützen und Dinge teilen, desto eher werden sie es selbst auch tun. Prinzipiell verbessert sich die Fähigkeit zu teilen mit dem Alter, weshalb manche Kulturen von Kindern unter drei Jahren nicht verlangen zu teilen.

Anstatt einfach für Leo zu entscheiden, dass er jetzt mit seinen Freunden spielen muss, könnte die Mutter Leo fragen: „Wie sieht es aus, Leo? Da sind deine Freunde, ich könnte dir deinen Ball geben und ihr spielt hier ein bisschen zusammen, während ich in die Bäckerei gehe.“
„Ich will nicht mit denen spielen!“
„Weshalb nicht?“, könnte die Mutter fragen.
„Die sind mir immer so wild und schießen mir den Ball weg, auch wenn ich das nicht will!“
„Okay, dann kommst du mit mir. Aber wir kaufen heute nur Brot für die Suppe und keine Süßigkeiten. Abgemacht? Sollen wir uns einen Knoten ins Taschentuch machen, damit wir es nicht vergessen, wenn wir die vielen leckeren Dinge sehen?“
Und dann könnten sie sich von den Freunden verabschieden und gemeinsam zum Bäcker gehen. Wenn der Wunsch nach Süßem aufkommt, könnten sie das Taschentuch hervorholen und sich die Abmachung in Erinnerung rufen.

Ich will nicht mehr laufen!

Als die Mutter aus der Bäckerei kommt und nun endlich nach Hause gehen will, bockt Leo schon wieder. „Ich will nicht mehr laufen! Nimm mich auf den Arm!“, fordert er. Die Mutter ist perplex: „Ich denke nicht im Traum daran, du bist viel zu groß und zu schwer!“, entgegnet sie. „Aber ich bin müde!“, jammert Leo. Die Mutter kontert, dass auch sie müde sei und außerdem täte Leo das Laufen gut. Daraufhin blockiert Leo komplett und erklärt, dass er nun noch ein bisschen draußen bleiben wolle. Die Mutter schimpft: „Sei nicht dumm, Leo. Es ist schon fast Abend. Es wird kalt!“. Aber das kann ihn nicht überzeugen. Und auch dass der Papa schon auf ihn warte und sie noch das Abendessen kochen müsse, bringt keine Einsicht. Schließlich eskaliert die Situation und Leo rennt weg und versteckt sich. Die Mutter sucht nach ihm und schimpft: „Heute bist du wirklich ungezogen. Wenn du jetzt nicht kommst, gehe ich und lasse dich allein!“. Und als Leo nicht aus seinem Versteck auftaucht, geht sie tatsächlich fort. Jetzt bekommt Leo natürlich Angst und er weint und friert (er hat ja keinen Pulli an…).

Leos Sicht: Ich bin müde, der Tag war anstrengend. Mama soll mich tragen. Warum macht sie das nicht? Hat sie mich nicht mehr lieb? Warum ist sie böse auf mich? Sieht sie nicht, wie erschöpft ich bin? Wenn sie mich nicht trägt, dann bleibe ich eben hier stehen. Dann muss sie mich ja auf den Arm nehmen. Sie hört mir einfach nicht zu. Wenn ich wegrenne, dann muss sie mich suchen und nach Hause tragen. Sie wird mich hier ja nicht allein lassen. Aber was ist das? Warum geht sie jetzt? Mag sie mich nicht mehr? Jetzt bin ich ganz allein und Mama ist böse auf mich. Mama, bist du da? Wo bist du? Mama, Hilfe! Ich habe Angst!
 

Mamas Sicht: Jetzt aber schnell nach Hause und das Essen kochen, es ist schon gleich dunkel. Aber was ist denn jetzt schon wieder? Warum kommt Leo nicht? Ich soll ihn Tragen? Das fehlt ja gerade noch. Ich habe schon die Taschen und er ist viel zu schwer. Bis eben ist er ja noch rumgerannt und jetzt solls nicht mehr für den Rückweg reichen? Und kaum sind wir zu Hause tobt er noch stundelang durchs Zimmer. Von wegen zu müde! Er soll ruhig noch bisschen laufen. Wenn jemand müde ist, dann ich und mich trägt ja auch niemand. Jetzt ist er auch noch weggelaufen. Er macht mich wahnsinnig! Wo steckt er denn jetzt? Wenn ich jetzt sage, dass ich gleich ohne ihn gehe, wird er rauskommen. Allein im dunkel will er sicher nicht bleiben. Aber was ist das? Warum kommt er nicht? Wo steckt er bloß. Hoffentlich ist im nichts passiert! Leo, ich mach mir Sorgen!

Getragen zu werden, ist ein altes Bedürfnis unserer Kinder. Bei nomadischen Völkern ist das Tragen, nicht nur der Babys, fest verwurzelt. Bis sie etwas drei Jahre alt sind, werden sie dort von den Frauen getragen, wenn die Gruppe weiterzieht. Danach übernehmen die Männer den Job. Teilweise werden die Kinder bis sie sieben Jahre alt sind beim Weiterziehen der Gruppe  getragen. Das erklärt, warum unsere Kinder manchmal auf dem Spielplatz schier endlos herumrennen und kaum machen wir uns auf den Heimweg wollen sie auf den Arm. Für sie zieht die Gruppe nun weiter und sie wollen sich auf ihren angestammten Platz, auf den Rücken ihrer Bezugspersonen begeben, um nicht zurückzubleiben.


Die Mutter in der Geschichte ist zu beladen und zu schwach, diesem Bedürfnis nachzukommen. Auch sie ist erschöpft und hätte am liebsten selbst Unterstützung. Stattdessen, weiß sie, was sie am Abend noch alles erwarten wird: Kochen, aufräumen, ins Bett bringen. Kein Wunder, dass sie keine Energie hat, um Leo jetzt auch noch zu tragen. Außerdem würde sie sicher schief angesehen, wenn sie ihr Kleinkind nach Hause tragen würde. Sie will ihn ja auch nicht verwöhnen, er ist doch kein Baby mehr.

Das Problem an dieser Situation ist, dass Leo für die Mutter mit ihren Einkaufstaschen in diesem Moment wirklich zu schwer ist, um ihn zu tragen. Aber anstatt ihn lächerlich zu machen und anzumeckern, könnte sie sagen: „Schatz, ich sehe, wie müde du bist und verstehe, dass du nicht mehr laufen kannst. Aber ich habe so viele Sachen zu tragen und kann dich nicht hochnehmen. Was können wir tun, damit du den Rückweg schaffst?“
Nun könnten sie nach Lösungen suchen. Vielleicht könnte es eine Belohnung zuhause geben, zum Beispiel eine Fußmassage, eine Vorlesegeschichte oder ähnliches. Vielleicht braucht Leo auch ein Spiel für den Weg, damit er kürzer erscheint, oder eine ausgiebige Umarmung direkt an Ort und Stelle, um seinen Beziehungstank wieder aufzufüllen. Natürlich ist es besonders hilfreich, wenn Leo weiß, dass seine Eltern ihn normalerweise schon (ein Stück) tragen würden, wenn sie nicht gerade noch den Einkauf haben.

Ich will immer lieb sein!

Schließlich kehren die Eltern zurück und finden Leo, das kleine Häuflein Elend. Der Papa schimpft mit ihm: „Leo du Lausemaus, was machst du für Sachen, wir haben schon überall nach dir gesucht!“. Aber vor allem sind alle erstmal froh und glücklich und es gibt eine Umarmung. Leo verspricht, dass er ab jetzt immer lieb sein will und immer sein Zimmer aufräumen wird, nie mehr „ich will“ sagen möchte und seine Freunde mit all seinen Sachen spielen dürfen. Leos Eltern sind darüber sehr froh und zufrieden und zur Belohnung gibt es einen Kuss von Papa und eine Umarmung von Mama und dann trägt der Papa ihn nach Hause.
Leos Sicht: Wenn ich mich nicht richtig verhalte, haben Mama und Papa mich nicht mehr lieb und verlassen mich. Ich muss mich bessern und ein guter Junge sein, damit sie mich mögen. Wenn ich wütend oder traurig bin, bin ich nicht erwünscht und muss allein bleiben.

Eltern Sicht: Na das ist ja noch mal gut gegangen. Da hätte ja sonst was passieren können. Aber wie gut, dass wir da durchgegriffen haben. Jetzt hat er seine Lektion gelernt und sieht endlich ein, dass er sich unmöglich verhalten hat. Hoffentlich wird er sich das eine Weile zu Herzen nehmen und nicht mehr so anstrengend sein.

Leo hat eine schmerzliche Erfahrung gemacht: Wenn er sich nicht so verhält, wie es gewünscht wird, wird er verlassen. Verlassen zu werden, ist eins der schlimmsten Dinge, die einem Kind passieren können. Von der Gruppe verlassen zu werden, hätte früher den sicheren Tod bedeutet. Kein Wunder dass er nun alles tun möchte, um seinen Eltern zu gefallen und ihre Zuneigung zurückzugewinnen. Dabei steckt er sich jedoch Ziele, die er als Kleinkind nicht einhalten kann, weil es ihn (und viele Erwachsene) überfordert.

Teufelkreis

Wenn er also bald schon an einem seiner Versprechen scheitert, wird er erneut der Angst ausgesetzt sein, abgelehnt zu werden. Er wird mit der Zeit lernen, negative Gefühle zu unterdrücken bis sie aus ihm herausplatzen und sich nach einem Wutanfall furchtbar schlecht fühlen, weil er weiß, dass er nur geliebt wird, wenn er sich konform verhält.

Na bitte, es funktioniert doch

Die Eltern haben den Anschein, dass ihre Erziehungsmethoden nun endlich Früchte tragen. Sie sind froh, dass sie hart geblieben sind und nicht nachgegeben haben und das Ergebnis scheint ihnen recht zu geben. Leo ist so klein mit Hut und scheintsein schlechtes Verhalten endlich einzusehen. Zwarspüren die Eltern auch die negativen Gefühle, die Sorgen und Angst, aber das sind nun eben Begleiterscheinungen, wenn man hart bleibt. Das ist eben für keinen schön.

Nebenwirkungen inklusive

Aber in Zukunft wird das nicht mehr so oft passieren, denn Leo hat seine Lektion gelernt. Dass Leo außerdem noch eine ganze Menge anderer, negativer Dinge verinnerlicht hat, kommt den Eltern überhaupt nicht in den Sinn. Und so werden sie in der nächsten Situation dazu verführt sein, wieder genauso zu handeln.

Anstatt zu schimpfen könnten die Eltern sagen, wie sie sich gefühlt haben: dass sie sich Sorgen gemacht haben, dass sie Angst hatten und ihn vermisst haben. Sie könnten sagen, wie sehr sie ihn lieben und dass es ihnen leid tut, wie alles gelaufen ist. Sie könnten ihn fest in den Arm nehmen und ihn trösten. Kinder lernen von uns, wie man mit anderen redet und wie man mit Fehlern umgeht. Wenn wir über unsere Gefühle sprechen, Mitgefühl zeigen und uns entschuldigen, dann schauen sie es sich früher oder später von uns ab. Wenn wir hingegen andere beschuldigen, beschimpfen oder bedrohen, dann werden sie diese Strategien von uns lernen. Wir können also maßgeblich mitentscheiden, wie unsere Kinder später einmal mit anderen umgehen werden.

Warum Mama Lausemaus trotzdem eine gute Mutter ist

Wenn du nun am Ende dieses Artikels angekommen bist, denkst du möglicherweise, zwei Dinge: Entweder du denkst: “Oh Mann, was für eine schlechte Mutter ist Mama Lausemaus bitte? Jeder weiß doch, dass man so mit einem Kleinkind nicht weiterkommt”. Dann erstmal Respekt an dich, du bist schon tief drin in der Bedürfnis- und Bindungsorientierungs-Bubble.

kennst du das?

Vielleicht denkst du aber auch: “Oh Mann, ich bin oft überhaupt nicht besser als Leos Mutter. Ich habe die gleichen Fehler auch schon gemacht.”

Und wisst ihr was? Ich auch! Wisst ihr wieso? Weil ich manchmal nicht anders konnte, selbst wenn ich es besser gewusst habe. Denn immer, wenn wir gestresst sind können wir nicht mehr klar denken und das abrufen, was wir theoretisch wissen. Dann greifen die alten Muster.

vom Stress eine “gute Mutter” zu sein

Wenn wir uns mal anschauen, wie es Leos Mutter so geht, dann können wir feststellen, dass sie unter erheblichem Stress steht, denn sie ist den ganzen Tag allein mit ihrem Kleinkind und versucht nebenbei den Haushalt zu schmeißen, so wie es von einer “guten Mutter” erwartet wird und hey, das ist verdammt anstrengend und so überhaupt nicht artgerecht.

die alten Muster

Was die Mutter von Leo braucht, was wir brauchen, ist Unterstützung und Vernetzung und die kommt in dieser Geschichte gar nicht vor. Kein Wunder, dass sie auf diese alten Muster zurückgreift. Daher sollten wir weder von oben herab auf andere Mütter schauen, noch sollten wir uns selbst steinigen, wenn wir Fehler machen.

lasst uns Netzwerken

Was sollten wir dann tun? Ein Netzwerk bilden, Unterstützung suchen und wo immer möglich anderen unsere Hilfe anbieten. Dann bekommen wir wechselseitig Entlastung und dann können wir auf all unsere tollen Ressourcen zurückgreifen, weil wir in unserer Kraft sind. In diesem Sinne, lasst uns loslegen!

Übrigens darf mein Sohn trotz allem auch weiterhin Leos Geschichten lauschen. Ich bin mir sicher, dass es ihm nicht schaden wird, solange er selbst eine andere Behandlung erfährt und man das Ganze entsprechend begleitet.

Das ganze Konzept von Erziehen ohne Schimpfen findest du im gleichnamigen Buch von Nicola Schmidt.

Als artgerecht Coach berate ich übrigens auch zu Themen rund um Konfliktmanagement mit Kleinkindern. Schau doch mal mein Beratungsangebot an.

Hast du selbst Erfahrungen mit Erziehen ohne Schimpfen? Erzähle uns davon in den Kommentaren.

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